Zum 100. Todestag von Hermann Carl Vogel

Nach dem erfolgreichen Abschluss der weitgehend denkmalgerecht ausgeführten Restaurierung des Großen Refraktors im Mai 2006 besichtigten und bestaunten zahlreiche Besucher das wieder funktionsfähige Instrument und die imposante Kuppel. Jetzt eindrucksvolles Zeugnis der Potsdamer Astronomiegeschichte, ist der Bau der Anlage und des Fernrohrs vor allem dem mit bewundernswerter Geduld und Energie erfolgten Wirken des ersten Direktors des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam (AOP), Hermann Carl Vogel, zu verdanken. Mit der feierlichen Indienststellung des Großen Refraktors im Jahr 1899 befand sich Vogel auf dem Gipfel seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Sein 100ster Todestag im August des Jahres 2007 gibt uns Anlass, sein Andenken fortleben zu lassen.

Hermann Carl Vogel wurde im April 1841 in Leipzig geboren. Seine naturwissenschaftlichen Interessen, besonders die für die Astronomie, wurden in seiner Geburtsstadt von H.L. d'Arrest, C. Bruhns und dem einfallsreichen F. Zöllner gefördert, der ihn besonders für die Astrophysik zu begeistern verstand. 1870 übernahm Vogel die Leitung der Privatsternwarte des Kammerherrn F. von Bülow in Bothkamp bei Kiel, was ihm eine weitgehend freie Themenwahl gestattete und großzügige finanzielle Mittel in die Hand gab. Gern pflegte er die Jahre in Bothkamp als seine Lehrjahre zu bezeichnen, in denen das Studium von Planeten- und Sternspektren, die Photographie der Sonne und von Protuberanzen und auch Versuche zur Bestimmung der Radialgeschwindigkeit von Fixsternen seine Forschungsschwerpunkte waren. Auf Grund seiner eminenten Begabung für die Konstruktion von Apparaten und seiner Meisterschaft in der Überwindung von instrumentellen Schwierigkeiten war Vogel zweifelsfrei die geeignetste Person, der man die instrumentelle Ausrüstung des 1874 gegründeten Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam übertragen konnte. Seit 1882 Direktor des Instituts, war Vogels Tatkraft bestimmend dafür, dass im folgenden knappen Jahrzehnt entscheidende Fortschritte in der Anwendung der Sternspektroskopie erzielt wurden. Durch die Entwicklung lichtstarker Spektrographen und die Benutzung der photographischen Platte als Empfänger gelangen die bis dahin genauesten Messungen von Radialgeschwindigkeiten bei hellen Sternen sowie der Beweis der Existenz einliniger spektroskopischer Doppelsterne vom Algol Typ, womit erstmalig genaue stellare Parameter abgeleitet werden konnten. Mit seinen wegweisenden Ergebnissen hatte Vogel somit ganz entscheidenden Anteil daran, dass sich das Institut in die erste Reihe der Sernwarten mit astrophysikalischer Thematik einreihen konnte.

Um die Radialgeschwindigkeitsbeobachtungen auch auf schwache Sterne ausdehnen zu können, begann Vogel bereits1890 für den Bau eines großen Fernrohrs zu wirken. Nach vielen Jahren intensiver administrativer und wissenschaftlicher Vorarbeit erfüllte sich sein Wunsch mit der Fertigstellung des Großen Refraktors im August 1899. Vogels weitere Arbeiten und Pläne wurden jedoch schon bald ganz wesentlich durch eine schwere Krankheit bestimmt, so dass er selbst nie eigene Beobachtungen mit dem Großen Refraktor gemacht und Aufnahmen ausgewertet hat. Stets blieb sein Lieblingsinstrument der kleine "Bruder" des Großen Refraktors, der Himmelskarten-Refraktor in seiner spektroskopischen Variante. Sehr gern führte er aber fremde Besucher zu "seinem" großen Instrument, um sich an ihrer Bewunderung zu erfreuen.

Vogel war Mitglied der bedeutendsten in- und ausländischen gelehrten Gesellschaften, zahlreiche Goldmedaillen und Ordensauszeichnungen konnte er entgegennehmen, wobei der Orden Pour le Merite für Wissenschaften und Künste (an Stelle des verstorbenen von Helmholtz verliehen) für ihn den höchsten Stellenwert besaß. Vogel starb 1907, wenige Monate nach dem er seine letzte wissenschaftliche Arbeit beendet hatte:
Die zwei Doppelrefraktoren des Observatoriums.
Pub. des AOP, Bd.15, Nr.45, 55 S.

G.Scholz