Buchbesprechung


Clemens Alexander Wimmer: Der Potsdamer Lustgarten. Herausgegeben von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.Berlin: Edition Hentrich 2004, 90 S., 100 Abb.

Erst durch die Bundesgartenschau 2001 kam der "Lustgarten" wieder zurück in den allgemeinen Potsdamer Wortschatz. Bis dahin hatte sich in der Nachkriegsgeschichte das Gelände im wesentlichen in die Teile Ernst-Thälmann-Stadion, Karl-Liebknecht-Forum, Interhotel und Wilhelm-Külz-Straße, die wir wieder Breite Straße nennen, gegliedert.

Mit einer sechsspurigen Durchgangsverkehrsstraße mitten durch ein historisches Stadtzentrum - bei weitem das Dümmste, was Stadtplanern einfallen konnte - hatte man nicht nur die alte Mitte, sondern auch den Lustgarten erschlagen. Dabei war dieses Stück Land der Potsdamer "Urgarten", die erste Parkanlage, die es lange vor Sanssouci und den anderen Schloßparks gab. Sie gehörte zum Stadtschloß, der zweiten Residenz der brandenburgisch-preußischen Kurfürsten und Könige. Dies war die Keimzelle der heute noch vielbewunderten Potsdamer Kulturlandschaft - aber das Schloß und sein Garten sind der gezielten Aktion, der Stadt die Geschichte zu nehmen, zum Opfer gefallen.

Der Gartenhistoriker Clemens A. Wimmer hat sich der beachtenswerten Mühsal unterzogen, die Geschichte des Lustgartens von seinen Anfängen bis heute zu erarbeiten. Da das Objekt selbst nur noch geringe Reste seiner historischen Existenz preisgibt, mußte die Spurensuche in Archiven und Bibliotheken erfolgen. Auch hier waren die Gartenakten oft spärlich und lückenhaft, es ist aber dem Autor gelungen, ein umfassendes und gut durch Quellen belegtes Bild der wechselvollen Geschichte des Lustgartens zu zeichnen.

Wie bei einer kurfürstlich-königlichen Anlage nicht anders möglich, gliedert Wimmer sein Buch in den Zeittakten der Regierungszeiten der Herrscher. Der vom Stadtschloß aus entwickelte Barockgarten, für den mehrere Entwürfe gezeigt werden, wurde durch den "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. zu einem - allerdings geringerem - Teil in einen Exerzierplatz verwandelt. Diese Drill- und Paradefläche zog in der öffentlichen Anschauung den Namen "Lustgarten" fast ganz auf sich, obwohl mindestens zwei Drittel des alten Ziergartens erhalten blieben, wie Wimmer nachweist. Gleichzeitig entstanden wichtige Orte des heutigen Potsdamer Stadtgrüns, wie der Platz der Einheit, die Plantage an der Garnisonkirche und der Bassinplatz.

Nach der Anlage und dem Ausbau des Parkes von Sanssouci, später auch der Parkschöpfungen des 19. Jahrhunderts, verlor der Lustgarten seine Position als zentraler Schloßgarten. Friedrich Wilhelm III. lenkte seine Entwicklung in Richtung einer öffentlichen Parkanlage. Ein Bestandsplan von 1829 von Gerhard Koeber zeigt, daß der Lustgarten westlich des Neptunbeckens nun landschaftlich gestaltet war. Wimmer schildert die zum Teil ziemlich aufwändigen Erhaltungsarbeiten an den Pflanzungen und dem Skulpturenschmuck. Neben dem damals schon beklagten Vandalismus und Diebstählen war ein Hauptproblem die Instandhaltung der Havelmauern, die unter der Strömung des Flusses litten. Ebenso erforderte das Neptunbecken mit seiner umfangreichen 1746-1748 geschaffenen Skulpturengruppe immer wieder Reparaturarbeiten, deren vorletzte 1935 begannen und mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 noch nicht abgeschlossen waren.

Eine Neugestaltung des Lustgartens, aber noch im Rahmen seiner gegebenen Strukturen, erfolgte 1948 durch den Bau des Ernst-Thälmann-Stadions im ehemaligen Boskett-Teil. Schon in diesem Jahr kam die Idee auf, eine Straße über den ehemaligen Exerzierplatzteil des Lustgartens und über die Neustädter Havelbucht zu bauen. Bisher hatte der Verkehr durch den Bau der Eisenbahn nach Magdeburg (1846) den Lustgarten außerhalb seiner Grenzen berührt. Ab 1975 wurde die Wilhelm-Külz-Straße zur "sozialistischen Magistrale" ausgebaut.

Am Schluß des Buches diskutiert der Autor die Neugestaltung des Lustgartens im Rahmen der Ausrichtung der Bundesgartenschau 2001 in Potsdam. Er warnt eindringlich davor, den Lustgarten weiteren Verkehrsprojekten, wie der nördlich der Bahn im historischen Bereich verlaufenden "Innerstädtischen Erschließungsstraße (ISES)" zu opfern und fordert, sie auf die Südseite des Bahndamms zu verlagern.

Vor fast sieben Jahren, im Februar 1998, hatte Clemens A. Wimmer in einer Vortragsveranstaltung unserer "Studiengemeinschaft" über den Potsdamer Lustgarten, seine Vergangenheit und Zukunft gesprochen. Mit seinem Buch hat er nun einen ausgereiften und fundierten Beitrag zur Potsdamer Geschichte und der vieldiskutierten Mitte unserer Stadt vorgelegt. So sorgfältig, wie der Autor den Text erarbeitet hat, sollte man ihn auch lesen, denn die Trennung von Planungen und ausgeführter Realität könnte beim flüchtigen "Querlesen" leiden. Zu danken ist auch für die gelungene Auswahl der Abbildungen (Gartenpläne usw.), von denen viele zum ersten Mal im Druck erscheinen.