Marianna v. Klinski-Wetzel und Gerhard Mieth: Wildpark-West an der Havel. Die Geschichte der Wiese Gallin. 2. Aufl. Wildpark-West 2008

Für die Qualität eines Buches spricht, wenn es in schneller Folge in zweiter Auflage erscheinen kann. Die von Gerhard Mieth begonnene und von Marianna von Klinski-Wetzel erweiterte und vollendete umfangreiche Werk zur Geschichte des Gallin und der dort entstandenen Villenkolonie Wildpark-West füllt eine bedeutende Lücke in der historischen Beschreibung des Westraums der Insel Potsdam. Wenn auch diese Landschaft nicht zum Potsdamer Stadtgebiet gehört, werden doch ihre Beziehungen zur Stadt gezeigt, z.B. zum Großen Militärwaisenhaus.

Zur Stadt gehörte allerdings der unter den "Sonderthemen" im XII. Kapitel abgehandelte "Königliche Wildpark, Jagdgebiet der Hohenzollern". Zu diesem Text sollen hier einige kritische Anmerkungen gemacht werden. Dieses umfangreiche, großflächige und geschichtsträchtige Thema auf 29 Seiten umfassend darzustellen ist schwer möglich und hier auch nicht erfolgt. Leider vermißt der fachkundige Leser zu diesem anspruchsvollen Thema eine anfangs notwendige Erläuterung, die das Problem des Umfanges anspricht und die Zielgruppe nennt, die erreicht werden soll. Architekturkenner, Wander- und Naturfreunde kommen bei der Unvollständigkeit des Inhalts nicht auf ihre Kosten. Im Buch ist der reiche geschichtliche Teil der einst großen "Pirschheyde" ausführlich beschrieben. Der Teilabschnitt "Einrichtung eines Wildgartens", den Peter Joseph Lenné und Ludwig Persius gestalteten, ist in individueller Art und Weise dargestellt und stützt sich meist auf unvollständige Zitate.

Die Beschreibung der Baulichkeiten des königlichen Wildparkes basiert einseitig auf Zitaten von Carl Ludwig Häberlin (gen. Belani) aus dem Buch: "Sanssouci, Potsdam und Umgebung" (Berlin und Potsdam 1855). Alle fünf Wildparkbauten: Forsthaus Sanssoucitor, Forsthaus Nordtor, Forsthaus Südtor, Wildmeisterei und Bayrisches Haus sind durch Häberlin-Zitate charakterisiert, die in volkstümlicher, unprofessioneller Art verfaßt sind. Teilweise weichen einige Ausführungen von der Wahrheit ab , z.B. gab es beim Forsthaus Sanssoucitor nie "ein zweites kleines Türmchen". Warum das Entenfängerhaus, außerhalb des umzäunten Wildparkes gelegen, wiederholt zitiert wird (Seite 511), bleibt offen. Es ist unverständlich warum die kompetente Veröffentlichung von Ludwig Persius (1803-1845) "Die Baulichkeiten im königlichen Wildpark bei Potsdam", bereits erschienen 1843 in der "Allgemeinen Bauzeitung" (S. 343-347), nicht erwähnt wird. Persius beschreibt die Baulichkeiten des königlichen Wildparkes vollständig, authentisch und professionell, was man von Häberlin nicht sagen kann. Im großformatigen Buch vermißt man im Quellen- und Literaturverzeichnis den bedeutendsten Architekten der Wildparkbauten: Ludwig Persius. Als Architekt des Königs hat er zur Bauzeit der Wildparkanlage auch im Fasanengarten am Neuen Palais den bekannten Fasaneriekomplex gebaut.

Den beschriebenen Wildparkbauten schließt sich in Form von Zitaten eine ausführliche Beschreibung des Bahnhofs Wildpark auf drei Seiten an. Andererseits ist der näher am Wildpark gelegene Kaiserbahnhof (Architekt: Ernst Eberhard von Ihne) mit angrenzendem Güterbahnhof nur mit einem Satz erwähnt.


Nach dem Abschnitt Bahnhof folgt die Baubeschreibung des Kiefernholzzaunes um das Wildparkgebiet, die inhaltlich zur Einrichtung des Wildparkes gehört. Eine andere Holzzaunkonstruktion als die im Buch beschriebene stellt der königliche Aufseher ,Jäger und Zeitzeuge Schupke 1865 in einem Aufsatz "Die Pirschheyde geschichtlich, forstlich und baulich" vor, die auch gebaut wurde (Mitteilungen des Vereins für Geschichte Potsdams, Bd.2, Potsdam 1865, Vortrag 76). Demzufolge waren ministeriell statt 8 10 Rundstangen genehmigt; der verstärkte Zaun hatte Pfosten mit 10 Bohrlöchern, in die die Rundstangen eingefügt wurden; im Buch sind andere Zahlen angegeben.

Grundsätzlich fehlt ein Übersichtsplan des historischen Wildparkes, der Lage, Größe und Umzäunung veranschaulicht. Bereits auf alten Wanderkarten des Wildparkes sind Wanderwege und die Jageneinteilung gekennzeichnet. Eine ausgedehnte Beschreibung des alten Kuhfort und der Kolonie Kuhfort ergänzt das Sonderthema Wildpark.


Beim verwendeten Bildmaterial fällt die geringe Qualität der historischen Bilder vom Bayrischen Haus und vom Restaurant Kuhfort auf. Vom Bayrischen Haus gibt es mehrere gute historische Postkarten. Die Bildtexte sind unsystematisch und nicht aktuell.


Den Schluß des Wildparkkapitels bildet das Jahr 1914, obwohl der Wildpark bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als umzäunter und waidmännisch bewirtschafteter Wildgarten existierte.


Es ist verständlich, dass das umfangreiche Thema Wildpark nicht auf wenigen Seiten umfassend dargestellt werden kann. Statt der Beschreibung von Bauten außerhalb des Wildparkes, wäre es sinnvoll gewesen, alle Baulichkeiten im Wildpark zu beschreiben; es fehlen: der historische Futterschirm (Architekt Albrecht Dietrich Schadow), die Futtermeisterei (nicht mehr erhalten), das Wasserwerk Wildpark (Architekt Reinhold Mohr), die Kasernen im Sperrgebiet und die Bahnanlage Potsdam-Wustermark.


Leider sind auch in der 2. Auflage des Buches einige Fehler, die einer Berichtigung bedürfen. Auf Seite 525 ist ein Kulturminister von Langenberg genannt, der nicht existierte; gemeint ist der Geheime Staatsminister von Ladenberg. Lenne` hat den "Verschönerungsplan der Umgebung von Potsdam" 1833 entworfen und nicht 1840. Das aktuelle Bild (Abb.137 von 2007) zeigt das Forsthaus Sanssoucitor, den Haupteingang zum Wildpark mit den Bronzehirschen von Christian Daniel Rauch. Die Hirsche, jetzt mit verändertem Standort, werden nicht erwähnt. Die Abb.142 von 1910/14 zeigt die Wildmeisterei. Dieses Forstgebäude, aber auch alle anderen Wildparkgebäude stehen unter Denkmalschutz. Auf Seite 534 vertritt die Autorin die Ansicht, dass der Teeplatz auf dem Entenfängerberg nur projektiert wurde und nicht zur Ausführung kam. Der Teeplatz, auch Königinplatz genannt, wurde gebaut und ist auf alten Messtischblättern dokumentiert.


Auch im Teil VII des Buches "Das Krongut Bornstedt-Gallin wurde geteilt" sind Fehler, die berichtigt werden sollten. Die Bezeichnungi "Golmer Hauptgraben" ( S.282), der angeblich an der Havelpromenade in die Havel mündet , ist nicht korrekt und irretierend. Nicht in Wildpark-West gibt es den Großen Abzugsgraben, sondern südwestlich des Ortes Golm. Die historische Abb. 32 (S.283) ist nicht richtig beschrieben; auf dem oberen Foto sind zu sehen: rechts das alte Schöpfwerk, mittig die Trafostation und links das Wasserwerk, beschrieben wurde das Schöpfwerk links und das Wasserwerk rechts.


Es ist zu wünschen, dass die 3.Auflage eine berichtigte und historisch aktualisierte Darstellung des Sonderthemas "Königlicher Wildpark" erfährt.

Der Wildpark, das größte Waldgebiet im Potsdamer Westraum, von Lenne` und Persius als Kulturlandschaft gestaltet, verdient es, mit größerer Sorgfalt dargestellt zu werden.

Adolf Kaschube