Kurt Baller / Marlies Reinholz (Hrsg.)

Das alte Potsdam des Prof. Dr. Hans Leopold Kania. Historische Beiträge Kanias in der „Potsdamer Tageszeitung“. 3 Bände

docupoint Verlag, Magdeburg 2006-2007, 307, 302, 291 S.

Preis: je Band 14,95 EUR

 

 

Den Potsdam-Kennern, wenigstens den älteren unter ihnen, ist der Name Hans Kania ein Begriff, denn niemand, der sich mit der Geschichte der Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt beschäftigt, kommt an seinen Publikationen vorbei. Warum die Herausgeber den Zweitnamen Leopold herausstellen, ist unklar. Kania hat niemals diesen Zweitnamen – außer auf amtlichen Fragebögen – verwendet. Neben dem Vorsitzenden des Vereins für die Geschichte Potsdams, Julius Haeckel, war er der produktivste Forscher zur Lokal- und Regionalgeschichte. Der in Berlin geborene, in Potsdam aufgewachsene, nach dem Abitur am hiesigen Viktoria-Gymnasium an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin für Geschichte und Germanistik immatrikulierte und 1901 zum Dr. phil. promovierte Hans Kania (1878-1947), wurde 1904 Lehrer am Friedrichs-Realgymnasium in Berlin-Kreuzberg, blieb aber immer in Potsdam wohnen. 1916 zum Professor ernannt, kam er 1918 an das Potsdamer Viktoria-Gymnasium. Mitglied des Vereins für die Geschichte Potsdams wurde er 1908, veröffentlichte aber schon 1904 in den Mitteilungen des Vereins seine Arbeit „Schinkels Nikolaikirche in Potsdam“. In diesen Mitteilungen erschienen elf weitere umfangreiche, durch Untertitel gegliederte Arbeiten (einige unter dem Sammeltitel Gesammelte Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte Potsdams). 1935 wurde Kania auf Betreiben des Potsdamer Oberbürgermeisters und NSDAP-Kreisleiters General a.D. Hans Friedrichs aus dem Schuldienst beurlaubt und zum „Stadthistoriographen“, 1936 zum Kunstbeauftragten der Stadt ernannt. NSDAP-Mitglied war Kania allerdings nicht. Es muss hier angemerkt werden,  dass der Oberbürgermeister im Gegensatz zum Wohlwollen für Kania zum Geschichtsvereinsvorsitzenden Julius Haeckel ein gespanntes bis unfreundliches Verhältnis hatte.

 

Kania stellte seine Forschungsergebnisse jedoch nicht nur dem Fachpublikum des Geschichtsvereins vor, sondern schrieb eine sehr große Zahl von Zeitungsartikeln, die meist in der im Verlag Hayn's Erben herausgegebenen „Potsdamer Tageszeitung“ erschienen. Anke Gabius, deren bibliographische Übersicht über das Schaffen Kanias in den Mitteilungen der Studiengemeinschaft Sanssouci e.V. (2. Jg., Heft 2, 1997, S. 16-36) im Rahmen einer Würdigung Kanias zu seinem 50. Todestag (hier auch: Kurt Adamy und Klaus Arlt: Professor Dr. Hans Kania, S. 4-15) publiziert wurde, gibt 474 datierbare sowie 75 weitere nicht datierte Artikel in Zeitungsausschnittsammlungen an. Kurt Baller und Marlies Reinholz haben sich der Mühe unterzogen, 150 Artikel aus der Potsdamer Tageszeitung auszuwählen und in drei Bänden zu veröffentlichen. In ihrem Vorwort erklären die Herausgeber, dass sie heute nur schwer verständliche Bezüge zur Gegenwart Kanias unter Beachtung der Erhaltung des von Kania Gewollten gestrichen hätten. Zusätze der Herausgeber können nur geahnt werden, da sie nicht im Text klar, z.B. durch eckige Klammern, abgesetzt sind, z.B. „Wilhelmplatz (heute Platz der Einheit)“ (Band 3, S. 100).  Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden angepasst, Druckfehler, Zahlendreher und Namensverwechselungen wurden „stillschweigend korrigiert“. Im Band 3 ist allerdings auf S. 262 das schon in der „Potsdamer Jahresschau 1933“ zum Text über Wilhelm von Humboldt irrtümlich publizierte falsche Porträt übernommen worden. Es zeigt nicht Wilhelm, sondern Alexander von Humboldt nach dem bekannten Gemälde von Friedrich Georg Weitsch (1806).

 

In den einzelnen Bänden sind die Kania-Artikel nicht nach Sachgebieten, sondern chronologisch nach den Erscheinungsdaten geordnet. Sie beginnen jeweils 1904, 1921 und 1916 und enden 1941 und 1942. Sie sind nicht kommentiert, der Leser bleibt also im Unklaren, ob der Inhalt des Beitrages noch dem neuesten Stand der Forschung entspricht. Als Beispiel kann im Band 2 „Mozart auf der Reise nach Potsdam“ (S. 104 ff) gelten, dessen Aussagen von der musikgeschichtlichen Forschung ausdrücklich – weil durch nichts belegt – in Frage gestellt werden. Der unkritische Nachdruck 60-100-jähriger Literatur birgt die Gefahr in sich, dass Legenden (beliebt in der preußischen Geschichte) ohne Notwendigkeit weitergereicht werden. Man muss befürchten, dass fehlende Kommentare den weniger kundigen Leser in dem Glauben bestärken, unverrückbar feststehende Wahrheiten in der Hand zu halten. Es mag zwar reizvoll sein, urheberrechtliche Freiräume für die Produktion von Büchern mit den Namen wichtiger Autoren auszunutzen, die reaktionell-wissenschaftliche Arbeit für solche Publikationen muss aber über die Auswahltätigkeit hinausgehen. In einem Nachwort, enthalten im 3. Band, betonen die Herausgeber, dass umfangreiche Diskussionen notwendig waren, „um sich auf bestimmte Kriterien bei der Auswahl zu verständigen“, nennen aber diese Kriterien leider nicht.

 

Wie bei Zeitungsartikeln üblich, gibt es keine Quellen- und Literaturangaben. Kania hat aber in der Vorbereitung für seine Publikationen eine umfangreiche Quellenarbeit geleistet. Dazu gab es aber einmal in der „Potsdamer Tageszeitung“ (Nr. 54, 4./4. März 1939) einen Artikel über ihn: „Woher weiß der Mann das alles?“ Diesen Text vermisst man leider. Die drei Bände bieten, trotz der mangelnden Professionalität der Herausgabe, dennoch vor allem dem kritischen Leser anregenden Lesestoff und sind ein Denkmal für einen herausragenden Potsdam-Historiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

KLAUS ARLT

(Erstveröffentlichung der Rezension im Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte, Band 59 (Berlin 2008), S. 209-210).