Zeitreise
Zuschrift und Antwort
Sehr geehrter Herr Professor Liebscher
Vor sieben Monaten habe ich mir eine neue Waschmaschine zugelegt. Es ist
ein modernes Geraet mit allem Schnickschnack, und ich bin sehr zufrieden
damit.
Allerdings in einer Hinsicht macht sie mich stutzig: Immer wieder
passiert es, dass nach einem an sich erfolgreichen Waschgang einer meiner
Socken fehlt. Auch nach intensivster Suche kann ich in einem solchen
Fall keine, aber auch gar keine Reste irgendwelcher Art in der Maschine
finden. Keine Fetzen, keine verschmorten Stuecke oder sonst was. Er ist
einfach weg.
Doch damit nicht genug: Nach einigen Tagen, oft nach Wochen, sind einige
der Vermissten wie aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Still und heimlich
hatten sie sich zwischen die uebrigen Waeschestuecke geschmuggelt und taten
so, als ob nichts geschehen waere. Mir ist es jedesmal eisig den Ruecken
heruntergelaufen, als ich wieder einen von ihnen in den Haenden hielt. Ich
habe sie nicht wieder in meinen Waeschefundus aufgenommen, sondern
bewahre sie in einem Karton im Keller auf, denn zum einen hatte ich
ihren Partner laengst zum Putzlappen umfunktioniert, zum anderen habe ich
einen Verdacht, der mich seit einiger Zeit nicht mehr loslaesst.
Auf den Verdacht brachte mich ein guter Freund, der in einem
Science-Fiction-Film etwas von sogenannten Wurmloechern oder so gehoert
hatte. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit konnte man sich da
ploetzlich in einer voellig fremden Galaxie wiederfinden, wenn man nicht
aufpasste. Was waere, wenn meine Socken auch in eine solche
Dimensionsfalle geraten sind, in eine Art Tunnel zu einem fernen Ort im
Universum? Wenn diese Verbindung stabil waere, waere es doch erklaerbar,
oder wenigstens nicht unmoeglich, dass sie einige Zeit spaeter die Reise
zurueck antreten und wieder auftauchen.
Oder vielleicht haben sie eine Zeitreise hinter sich, wie man es auch
oft im Fernsehen sehen kann (Die Maschine schleudert mit ueber 1000 UpM,
kann diese hohe Geschwindigkeit vielleicht Zeitspruenge verursachen?). Es
waere doch denkbar, dass sie in einer Zukunft gelandet sind, in der die
Menschen (oder wer auch immer) Zeitmaschinen wie wir Autos besitzen und
die Kleidungsstuecke kurzerhand zurueckgeschickt haben (oder besser: haben
werden). Was sollen sie auch mit einem einzelnen, gebrauchten Socken?
Oder vielleicht steht irgendwo im unendlichen Weltraum eine aehnliche
oder nahezu baugleiche Waschmaschine, so dass sie mit meiner sozusagen
``auf demselben Frequenzband'' sendet.
Der Gedanke, Socken zu besitzen, die schon Ausserirdische oder zukuenftige
Menschen in der Hand hatten, laesst mich nicht mehr schlafen. Deswegen
wende ich mich an Sie, da Sie als Physiker sicher am besten beurteilen
koennen, welche meiner o.g. Theorien denn nun stimmt. Ich bitte Sie um
eine fachliche Bewertung dieses Phaenomens und hoffe, dass Sie sich mit
einer befriedigenden Erklaerung bei mir melden koennen. Fuer weitere
technische Details (Typ und Hersteller der Maschine, Material und Farbe
der Socken usw.) stehe ich Ihnen gerne zur Verfuegung.
Mit freundlichen Gruessen
N.N.
Sehr geehrter Herr N.N., Sie sprechen ein altes Problem an:
Christian Morgenstern: Gespenst
Es gibt ein Gespenst,
das frisst Taschentuecher;
es begleitet dich
auf deiner Reise,
es frisst dir aus dem Koffer,
aus dem Bett,
aus dem Nachttisch,
wie ein Vogel
aus der Hand,
vieles weg, -
nicht alles, nicht auf Ein Mal.
Mit achtzehn Tuechern,
stolzer Segler,
fuhrst du hinaus
aufs Meer der Fremde,
mit acht bis sieben
kehrst du zurueck,
ein Gram der Hausfrau.
Mir geht es vor allem so, dass manches, woran ich mich erinnern soll,
ploetzlich und zur Unzeit verschwunden ist und erst ins Gedaechtnis
zurueckkehrt, wenn es zu spaet ist.
Es ist aber so unangenehm die Vorstellung nicht, dass Nachgeborene
einen Gedanken von mir ploetzlich in ihrem Gedaechtnis haben,
an den sie sich eventuell gern erinnern wuerden, wenn er wieder
in das meine zurueckgekehrt ist.
Ich wuensche Ihnen nur, dass die Socken erst nach dem Waschgang in die
Zukunft verschwunden sind, oder sollte ihr Zurueckgeschickt werden
daran liegen, dass nicht? Viele Fragen!
Mit freundlichen Gruessen
Dierck-E.Liebscher
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