Tanzen ist ein Dialog
(meines Erachtens alles logisch zwingend)
Der reine Paartanz, unzutreffend und etwas abschätzend Standard genannt,
ist etwas Besonderes. Hier sollen sich
zwei Personen wie eine Einheit über die Tanzfläche bewegen, leicht und
ohne Reibung.
Wenn es richtig läuft, hält der Betrachter den Atem an und das Paar ist
entrückt.
Eine solche gemeinsame Bewegung kann nicht durch Choreographie allein
erzeugt werden.
Sie bedarf einer Abstimmung zwischen den
Partnern während des Tanzens selbst. Wie vollzieht sich aber diese
Abstimmung, dieses wortlose Verstehen, das dem Paar ermöglicht, zu einer
Einheit zu verschmelzen und dabei noch mit Vollgas über das Parkett zu
rauschen?
Es ist der Körperkontakt, die Tuchfühlung, über die sich ein nie
abreißender Dialog abwickelt, der den Stil des Tanzens bestimmt. Es ist
durchaus nicht so, wie oft zu hören (und zu sehen), dass der Herr alles
bestimmt und die
Dame einfach nur mitgeht, wohin der Herr will. Der Herr kann, wie wir
gleich sehen werden, zwar zu jeder Bewegung einladen, aber er kann nur
Rechtsdrehungen (natural turns)
wirklich erzeugen. Linksdrehungen (reverse turns) gehen nur mit
Initiative der Dame. Die Dame muss also mit eigener Initiative auf die
Einladungen des Herrn antworten. Die Dame ist Partner des Herrn, nicht
sein Sportgerät.
Die Bewegungen, die dem Standard seine Außergewöhnlichkeit verleihen,
sind einzeln nicht möglich.
Der Herr führt, aber er muss führen, was die Dame tanzen kann und möchte. Führung heißt nicht Monopol auf Tempo und Schrittlänge. Tempo und Schrittlänge bestimmt immer der, der den Partner in der
Bewegungsrichtung vor sich hat.
Tuchfühlung muss sein. Tuchfühlung allein macht aus zwei Partnern ein
Paar. Tuchfühlung allein ermöglicht Tanzen ohne verabredete
Choreographie. Ohne Tuchfühlung muss eine Choreographie verabredet sein:
dann haben wir nicht mehr Paartanz, sondern eine Zweierformation.
Festhalten ist aber immer falsch. Der Herr hält die Dame nicht fest,
darf er auch nicht, das wäre Nötigung, und da sei das Strafgesetzbuch vor.
Die Dame muss sich jederzeit ohne Mühe aus einer als Umklammerung empfundenen
Haltung herauswinden können. Der Herr darf also nur mit dem rechten Arm
den Raum
(möglichst weit) fixieren, in dem
sich die Dame bewegen kann.
Die Dame schließt die Haltung durch aktives Einklinken zwischen die
rechte Hand und die rechte Hüfte des Herrn. Beide Punkte muss
die Dame immer suchen, wenn sie denn Lust zu tanzen hat. Die Dame hält
sich also nicht mit den Händen fest,
auch wenn diese zu Korrekturen benutzt werden.
Die Dame hat zwei Möglichkeiten, aus der Haltung herauszukommen.
Sie kann sich mir einer Rechtsdrehung herauswinden
oder nach unten wegtauchen. Deshalb muss sie beides unterlassen,
wenn sie einen Tanzwunsch ausdrücken möchte: Rechtdrehungen
sind Sache des Herrn, Absenken ist Sache des Herrn. Wie oft der
Trainer auch berechtigt mahnt, ruhiger und tiefer abzusenken,
ist das immer eine Mahnung an den Herrn. Wenn die Dame absenkt,
ohne zu berücksichtigen, dass ihr Partner ein fauler Knochen ist,
beendet sie den Tanz.
Aus der Tuchfühlung ergeben sich drei
Grundsätze, die sich durch alle Figuren ziehen.
Tempo und Schrittlänge bestimmt immer der, der den Partner in der
Bewegungsrichtung vor sich hat, sonst fällt die Haltung
oder die Balance auseinander. Auch kann der Herr jetzt nur rechts herum
drehen, links herum muss er warten, muss er sich drehen lassen:
er kann durch die
Führung die Dame zur Linksdrehung nur einladen.
Dreht er nach links, ohne dass die Dame dazu bereit ist, geht der
Körperschluss verloren, oder er wendet Kraft an.
Die Dame ihrerseits kann links herum drehen, aber rechts herum muss sie
sich, wie bereits bemerkt, drehen lassen.
Dreht sie nach rechts, ohne dass der Herr dies führt, geht der
Körperschluss verloren. Da nützt auch aller Druck nichts. Ein
Spezialfall dieses Problems ist das Kopfwenden der Dame in die
Promenade, mit dem die Dame warten muss, bis der Herr sie dazu einlädt.
Wie entsteht nun ein Dialog? Ganz einfach, so scheint es. Hier ist aber nicht das
unendliche Thema gemeint,
wer Schuld hat, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll. Dieses Thema gehört
nicht auf die Tanzfläche und läuft ohnehin immer ins Leere. Es gibt keine Schuld
an speziellen Fehlern. Kleine Ungenauigkeiten sind es, die sich - wenn
im Lauf der Folge nicht kompensiert - so aufschaukeln, dass irgendwann
die Dame oder der Herr die Bewegung nicht mehr so weiterführen
kann wie nötig oder gewollt. An dieser Stelle
gibt es dann nur noch Opfer und von Schuld kann überhaupt nicht mehr die Rede sein.
Der Dialog, der hier gemeint ist, entspinnt sich am deutlichsten beim
Wiener Walzer. In jedem Takt beantwortet der vorwärts Tanzende den Schub
des Partners, den dieser im Takt davor geliefert hat,
während der rückwärts Tanzende nur einen abwartenden Schritt
rückwärts setzt und sich lieber etwas mitnehmen lässt.
Ganz allgemein darf man nicht aktiv vom Partner weg, also speziell nicht
rückwärts tanzen,
rückwärts muss man sich tanzen lassen. Für die Schrittgröße ist immer
der verantwortlich, der den Partner in Bewegungsrichtung vor sich hat.
Je nach Drehung kann sogar nach jedem Schritt
diese Verantwortung wechseln. In der Rechtsdrehung des Walzers wird beim
Schritt rückwärts der Partner vorbeigelassen, dann aber kann der nun
Zurückgebliebene den Seitschritt mit eigenem Schwung führen, darf dabei
aber den Partner auf keinen Fall überholen.
Er muss eine Stellung erreichen, die ihm im Folgetakt selbst wieder
erlaubt, den richtigen Schub zu entwickeln.
Wer sich etwas vorzählen muss, wähle an Stelle von eins zwei drei vier fünf sechs den Text
ich bin dran du bist dran.
Der Dialog beginnt aber immer schon vor dem Tanzen selbst. Wer zum Tanz
bittet, muss das auch zum Ausdruck bringen. Leider gibt es auch in den
höheren Klassen gelegentlich Paare, die sich keiner freundlichen Geste
und keines freundlichen Blicks würdigen, weil sie
meinen, das lenke von der Konzentration ab. Der ganze Tanz sieht dann
meist auch nach Coppelia aus. Wenn der Herr mit der Dame tanzen will,
dann muss er schon zeigen, dass ihm Freude bereitet, was ihn erwartet.
Die Dame sollte das natürlich auch tun. Und wenn der Herr den Raum der
Dame mit seinem
rechten Arm fixiert, dann sollte sie ihm auch zeigen, dass sie sich gern
von ihm halten lässt und mit ihrer rechten Hüfte und ihrer linken
Schulter Kontakt zu seiner
rechte Hüfte und seiner rechten Hand suchen. Ihr hilft das, sich
natürlich nach links zu wenden. Ihm hilft es, die Körperspannung zu
entwickeln, ohne die
er die Dame nun nicht führen kann.
(Will der Herr durch eigenen Einsatz mangelnden Kontakt zu seiner
rechten Hand kompensieren, verengt er den Bewegungsbereich der Dame,
verlässt seine Schulterlinie und verdirbt Haltung und Bewegung.
Körperkontakt ist Sache der Dame, nicht des Herrn.)
Wir haben gelernt, die Grundbewegung mit einer Rechtswendung
zu beginnen. Mit dieser Wendung fragt der Herr die Dame,
ob sie tanzen möchte.
Im hoffentlich positiven Fall antwortet die Dame mit einer Linkswendung
in seinen rechten Arm hinein. Der Linkswendungswunsch der Dame
sagt dem Herrn: Ich bin da, ich laufe nicht weg, ich möchte mit dir tanzen.
Es ist für den Herrn besonders beglückend, wenn die Dame dies in der
Eingangsvorbereitung, dem Telemark, oder dem Impetus bzw. Kreisel
deutlich zum Ausdruck bringt. Die Linkswendung in der
Vorbereitung mündet in den
Vorbereitungsschritt zum ersten Takt und bringt das Paar in die Lage,
die einleitende Rechtsdrehung mit vollem Schwung zu entwickeln. Die Dame
weiß natürlich, dass ein Rückwärtschritt mit
dem linken Fuß nur eine Rechtsdrehung ergeben kann und stellt
dann den in der Vorbereitung angedeuteten Wunsch erst einmal zurück.
Eine flüssige Schrittfolge wird im allgemeinen der Dame gestatten, eine
Rechtsdrehung durch den Herrn mit einer
Linksdrehung zu beantworten. Ein besonders bemerkenswertes Beispiel
dafür sind die Promenaden.
Die Vorbereitung einer Promenade, die Führung in die Promenadenstellung
ist eine Rechtsdrehung und damit Sache des Herrn. Es gibt nur einen Weg
dafür: der Herr muss seine linke Hüfte nach vorn bringen und die rechte
Seite dehnen, auch wenn das nur
ganz sacht und unscheinbar geht. Dreht die Dame allein in die
Promenadenstellung, weil sie weiß, dass diese jetzt an der Reihe ist,
dreht sie aus der Haltung heraus und der Herr neigt dazu, in der rechten
Schulter abzuknicken. Das vereinfacht den Wertungsrichtern die
Entscheidung, auf ein Kreuzchen zu verzichten.
Die Wendung des Kopfes nach rechts muss gegen die Wendung des Körpers laufen
und die rechten Hüfte der Dame in dem Wunsch unterstützen, den Kontakt
zum Partner nicht aufzugeben.
Der Innenschritt in die
Promenade, der die rechte Hüfte der Dame zwingt, den Kontakt mit dem
Herrn aufzugeben,
muss nun von der Dame mit einem manchmal auch energischen Schließen der
Haltung und Drehung des Kopfes in die
Normalposition beantwortet werden. Das ist für die Dame eine
Linkswendung, also auch ihre Verantwortung. Diese Linkswendung ist
selbst dann nötig, wenn die Promenade zu einer Rechtdrehung des Paares
führen soll (Telewischer, Chase, außenseitliche Rechtsdrehung). Das ist
nicht paradox, denn der Herr stellt sich bei dieser Bewegung auf das
linke Bein, und wenn ihn die
Hüfte der Dame im Zentrum oder auf der rechten Seite trifft, kann sie
ihn in der Rechtsdrehung sogar unterstützen. Unabhängig davon dreht sie
sich aber in die Führung des Herrn, und das kann er nur gut finden.
Figuren und Folgen lassen sich unter Umständen trainieren,
bis man sie im Schlaf kann. Weshalb dann der ganze Dialog?
Er wird unverzichtbar, wenn den Herrn Panik erfasst,
und das geschieht, wenn er aufwacht und er einem Hindernis
ausweichen muss (fast wie beim Autofahren). Natürlich will er
das vor seiner Partnerin vertuschen, aber das kann nicht gelingen:
Er verrät sich durch Erschlaffung der Arme,
Verkürzung der Schritte und besonders durch Verengung der Haltung.
Wenn die Dame das merkt, sollte sie ihmm mitteilen:
"Du Ärmster hast es schwer,
aber ich bin da, ich lauf nicht weg,
ich möchte weiter mit dir tanzen". Wie tut sie das?
Sie dreht sich in die Haltung hinein, sucht die Kontaktpunkte,
schiebt die rechte Schulter des Herrn mit ihrem linken Daumen
(Im Tango mit dem Ellbogen) zurück.
Dann merkt der Herr, dass er sich um die Dame keine Sorge machen muss,
dass er wieder stolz seinen Sponsor
oder die freie Werbefläche zeigen kann.
Die Dame hat auch etwas davon: Sie kann nun die Führung
in die neue Figur auch schnell genug spüren.
Eine Dame, die sich fragend nach rechts zum Herrn dreht, kann man
zwar verstehen, aber sie dreht sich dabei aus der Haltung heraus und
darf sich dann nicht wundern, dass sie keine Führung spürt. Statt den
Kopf zu fragen, muss sich die Dame nach links hinausdrehen und die
rechte Hand und Hüfte des Herrn fragen.
Ein wünschenswerter Nebeneffekt ist dabei, dass das Paar in sanfter
Bewegung bleibt, während der Herr überlegt, was er nun tun soll.
Je besser die Dame eingeklinkt ist, desto sicherer kann sie die Führung
lesen und desto sicherer und freier fühlt sich der Herr.
Natürlich hilft das alles nur, wenn der Herr schließlich weiß, was er
will, und das ist ja durchaus nicht immer der Fall.
Dierck-E.Liebscher
www.aip.de/People/deliebscher/
Zusätze
- Die meisten Figuren (zumindest alle, die man in den unteren Klassen
lernt) beginnen mit
einem Schritt, in dem die Bewegung angeschoben wird. Er ist deshalb mehr
oder weniger stark abgesenkt
und geht vorwärts. Wenn die Figur nicht verabredet ist, liegt sie in
diesem Moment auch noch nicht fest. Was also tun, damit die Dame nicht
überrascht wird? Zunächst:
Wer vorwärts dran ist, liefert den Schwung: er muss Gas geben und den
zweiten Schritt
mehr oder weniger seitwärts in die Richtung schwingen lassen, die der
erste Schritt vorgegeben hat.
- Wer rechts vorwärts dran ist, muss dabei den Partner überholen,
damit dieser auf der richtigen Seite bleiben kann. Dadurch ergibt sich natürlich eine Rechtdrehung,
deren Ablauf im Einzelnen vom Herrn mit dem zweiten Schritt gesteuert wird.
- Der Partner ist dann links rückwärts dran. Er muss sich zurückhalten
und warten, dass der vorwärts Tanzende überholt, auch wenn er gegebenenfalls (d.h. als Herr) die Entscheidung
über den weiteren Ablauf der Figur hat.
- Wer links vorwärts dran ist, kann sich nun nicht darauf
verlassen, dass sich die Linksdrehung durch Überholen allein ergibt: er
darf ja nur dann überholen, wenn sich der
Partner von allein dreht, sonst steht er zum Schluss auf der falschen
Seite. Von allein
links herum drehen darf aber nur die Dame. Besonders nach dem
Innenschritt der Promenade muss
sie das auch: Sie muss bereit sein, die Promenade zu schließen.
- Wer rechts rückwärts dran ist, erwartet zwar auch den Drive durch den vorwärts
Tanzenden, muss aber selbst darauf achten, dass er auf der richtigen Seite bleibt. Ist es die Dame,
die rechts rückwärts tanzt,
muss sie anderthalb Linksdrehungen ermöglichen, wenn der Herr etwa einen Linkskreisel mit anschließender Linksachse führt.
- Es gibt viele Äußerungen zur Bedeutung der richtigen Fußtechnik
und Fußführung. Mir scheint, es wird zuviel über die Stellung im Raum
oder zur eigenen
Person geredet und zu wenig über die Notwendigkeit, die Fußführung nach
dem Partner
und seiner tatsächlichen Bewegung zu richten. Wenn z.B. aus einem
Rechtskreisel das Richtige werden soll, muss der rechte Fuß des Herrn
sich im zweiten Schritt nach dem Ort richten,
wo die Dame den linken Fuß tatsächlich aufsetzt. Nur dann kann die
dadurch entstehende Drehung den gewünschten Grad erreichen, ohne dass
die Dame auf der falschen
Seite des Herrn endet. Das ist bei Rechtsdrehungen merkwürdigerweise
schwieriger als bei Linksdrehungen.
Versucht der Herr, eine Rechtdrehung zu überdrehen, ohne seine Füße
richtig
gesetzt zu haben, kommt die Dame auf die falsche Seite, wo die
Tanzhaltung auseinanderfällt.
Eine Linksdrehung dagegen kann immer überdreht werden, weil die Dame bei
ihrer Aktion ohnehin in die Haltung hineindreht.
In übertreibender Kürze
- Die Tanzhaltung gründet auf dem Kontakt der rechten Hüften bzw.
Körperseiten und dem Kontakt der rechten Hand des Herrn mit der linken
Schulter der Dame.
- Der Herr hält die Dame nicht fest, sondern fixiert ihren Raum. Für den Kontakt ist die Dame verantwortlich. Sie darf (und muss)
den Kontakt suchen.
- Für das Absenken ist der Herr verantwortlich, die Dame lässt es zu.
Für das Erheben ist die Dame verantwortlich, der Herr unterstützt sie dabei.
- Für den Antrieb ist der vorwärts Tanzende verantwortlich.
Rückwärts muss man sich tanzen lassen. Der rückwärts Tanzende kann
einladen, muss sich aber zurückhalten.
- Rechtsdrehungen verantwortet der Herr, die Dame lässt sie zu.
- Linksdrehungen verantwortet die Dame, der Herr lädt dazu ein.
- Rechtsdrehungen fordern die Dame zu einer linksdrehenden Antwort heraus.
Proteste und Zustimmung senden Sie bitte an
D.-E.Liebscher
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