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Die Gründung des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam

Die Mitte des 19. Jahrhunderts von Gustav Kirchhoff und Robert Bunsen entwickelte Spektralanalyse eröffnete die einzigartige Möglichkeit, aus dem Licht der Himmelskörper Aussagen über ihre chemische Zusammensetzung und ihren physikalischen Zustand zu gewinnen. Foerster erkannte dies als einer der ersten und regte 1871 in einer an den Kronprinzen gerichteten Denkschrift, in der er auf die Bedeutung und den praktischen Nutzen der Sonnenforschung einging, zunächst den Bau eines Sonnenobservatoriums an. Der Gedanke wurde jedoch bald auf die gesamte Astrophysik ausgedehnt.

Als Standort wurde eine südlich Potsdams gelegene Anhöhe gewählt, der Telegrafenberg. Dort hatte von 1832 bis 1848 eine Station einer Linie optischer Telegrafen gestanden, mit der militärische Nachrichten zwischen Berlin und Koblenz übertragen wurden. Am 1. Juli 1874 wurde das Astrophysikalische Observatorium Potsdam (AOP) gegründet. Es nutzte zunächst den Turm des ehemaligen Potsdamer Militärwaisenhauses in der Lindenstraße, von dem aus Gustav Spörer Sonnenbeobachtungen durchführte. Im Herbst 1876 begann der Bau des Hauptgebäudes auf dem Telegrafenberg, und im Herbst 1879 wurde dieses vollendet und seine Erstausstattung mit Instrumenten abgeschlossen.

Die Leitung des AOP wurde einem Direktorium übertragen, das aus Wilhelm Julius Foerster, Gustav Kirchhoff und Arthur Auwers bestand. Im Jahre 1882 wurde Hermann Carl Vogel zum alleinigen Direktor des Observatoriums ernannt, das sich unter seiner Leitung stärker der Sternphysik zuwandte. Vogel gelang es als erstem, Radialgeschwindigkeiten von Sternen fotografisch zu messen, und er entdeckte so die spektroskopischen Doppelsterne.

Im Jahre 1899 wurde auf dem Telegrafenberg der größte bis dahin gebaute Refraktor mit einem 80- und 50-cm-Doppelobjektiv von Steinheil auf einer Repsold-Montierung in einem Kuppelbau von 24 m Durchmesser fertiggestellt und mit einem Festakt in Gegenwart des Kaisers eingeweiht. Hat auch der Große Refraktor die in ihn gesteckten Erwartungen nicht voll erfüllt, so sollen zwei Entdeckungen an diesem Instrument nicht unerwähnt bleiben: die des instellaren Mediums durch die ,,ruhenden" Kalzium-Linien im Spektrum des spektroskopischen Doppelsterns delta Orionis 1904 durch Johannes Hartmann und die stellarer Kalziumemissionen - Hinweise auf Oberflächenaktivität! - durch Gustav Eberhard und Hans Ludendorff um 1900.

Ein Jahrzehnt später wurde mit Karl Schwarzschild einer der bedeutendsten Astrophysiker dieses Jahrhunderts zum Direktor berufen. In der kurzen Zeit seines Wirkens - schon 1916 bereitete eine heimtückische Krankheit seinem Leben ein Ende - hat er grundlegende Beiträge zur Astrophysik und zu der gerade entstehenden Allgemeinen Relativitätstheorie geleistet. So fand er beispielsweise wenige Wochen nach der Veröffentlichung der berühmten Einsteinschen Gleichungen eine erste Lösung, die heute als Schwarzschild-Lösung bezeichnet wird und insbesondere in der Theorie der Schwarzen Löcher von grundlegender Bedeutung ist.

Das AOP ist mit der Entwicklung der Relativitätstheorie in vieler Hinsicht verbunden. So führte Albert A. Michelson 1881 im Keller des Hauptgebäudes zum ersten Male jenen berühmten Interferometerversuch zum Nachweis der Bewegung der Erde gegenüber dem Lichtäther durch, dessen "Mißerfolg" eine der Grundlagen für die 1905 von Einstein aufgestellte Spezielle Relativitätstheorie darstellt.

Um die von der Allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagte Rotverschiebung von Spektrallinien im Schwerefeld der Sonne nachzuweisen, hatte Erwin Finlay Freundlich ein Turmteleskop konzipiert. Es fand seine Verwirklichung in Gestalt des Einstein-Turms, mit dem der Architekt Erich Mendelsohn ein einzigartiges expressionistisches Wissenschaftsbauwerk schuf. Zwar konnte die Gravitationsrotverschiebung zunächst nicht gefunden werden, jedoch nahmen andere wichtige Entwicklungen der Sonnen- und Plasmaphysik hier ihren Anfang.

Neben den bisher genannten Leistungen waren es vor allem die großen Beobachtungsprogramme wie die "Potsdamer Photometrische Durchmusterung" und die herausragenden Arbeiten Walter Grotrians zur Sonnenkorona, die dem Astrophysikalischen Observatorium Weltgeltung verschafften.